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Oktober 2009
Softkill – gleiche Wirkung bei weniger Zerstörung?
Wegbereiter für Softkill Schutzsysteme war die Marine
Die Auslandseinsätze der Bundeswehr werden zunehmend gefährlicher. Vor allem im Bereich der asymetrischen Bedrohungen muss der Eigenschutz der Truppe nachhaltig verbessert werden. Gegnerische Kräfte, die nicht mehr oder nur sehr schwer als aufklärbare Truppen und Einheiten zu erkennen sind, bedrohen den Einsatz von Soldaten der Bundeswehr in Auslandsmissionen. Dabei benutzen sie oftmals ältere, zum Teil recht primitive Waffen, die weltweit noch in fast beliebiger Stückzahl – und nicht nur illegal - zu erwerben sind. Allein in Afghanistan sind riesige Mengen von ungelenkten Panzerabwehr-Granaten/Rocket Propelled Grenades (RPG) vorhanden. Ursache hierfür war unter anderem auch die sowjetische Besetzung Afghanistans in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. STINGER-Raketen wurden damals in großen Mengen von den USA zur Unterstützung an die Aufständischen geliefert, die wiederum beim Abzug der Sowjet-Truppen große Stückzahlen an SA-7 Raketen erbeuteten oder zurückgelassen vorfanden. Heute können beispielsweise Terroristen nahezu überall auf der Welt sich solche Systeme beschaffen. Lenkflugkörper und Raketen sind eine zunehmende Bedrohung in den Händen von Aufständischen und Terroristen.

Abwehr gegen anfliegende Lenkflugkörper (LFK)
Über lange Zeit wurde bei der Suche nach technischen Lösungen zur Abwehr von anfliegenden Lenkflugkörpern auf so genannte Hardkill-Systeme gesetzt. Hardkill-Systeme versuchen anfliegende Geschosse, wie Panzerabwehrlenkwaffen, Granaten, Wuchtgeschosse und andere durch Sensoren zu erfassen und dann zu bekämpfen, das heißt zu verstören. Im Rahmen der Zielerfassung entscheidet der Computer des Bekämpfungssystems, ob eine Bedrohung vorliegt, und leitet im positiven Fall innerhalb von Millisekunden den Bekämpfungsvorgang ein. Das Ziel wird dabei je nach Wirkmechanismus entweder durch Schrapnelle oder eine Druckwelle zerstört. Derartige Systeme haben allerdings eine Gefahrenzone für Personen im Bereich des Bekämpfungsvorganges und richten oftmals nicht unerhebliche Schäden auch außerhalb des zu bekämpfenden Ziels an.
Softkill-Systeme wurden erst in späterer Zeit entwickelt, und zwar in Folge von zum Teil nicht kalkulierbaren Schäden bei der Zerstörung von anfliegenden Geschossen mit Hardkill-Systemen. Ziel von Softkill-Systemen ist es dagegen, die Bedrohung zu neutralisieren, ohne sie zu zerstören. Solche Abwehrsysteme können zum Beispiel Täuschkörper abfeuern, um angreifende Zielsuchsysteme bei der Steuerung zu verwirren. Softkill-Systeme können auch Störsender auf angreifende Systeme richten, um die Elektronik von Raketen und Sprengfallen zu stören, oder durch den Einsatz von Blendlasern optische, ultraviolette (UV) und infrarote (IR) Sucher zu blenden. Eine weitere Maßnahme kann die Aktivierung einer Nebelmittelwurfanlage sein, um das eigene Fahrzeug einzunebeln. Softkill-Maßnahmen zielen darauf ab, den anfliegenden Flugkörper oder das Geschoss zu stören bzw. im Anflug zu behindern.
Entwicklungen von Softkill-Systemen
Zunächst wurde ein so genanntes abstandsaktives Schutzsystem MUSS (Multifunktionales Selbstschutz-System/Multifunction Self Protection System) als ein Selbstschutzsystem für gepanzerte Fahrzeuge entwickelt. MUSS wurde in Kooperation von EADS Defence & Security, Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und der Firma Buck, Tochterunternehmen von Rheinmetall Defence, entwickelt, wobei KMW für die Systemintegration verantwortlich war und Buck die Entwicklung der pyrotechnische Gegenmaßnahmen durchführte. MUSS wurde Mitte der 1990er-Jahre entwickelt und in 2003 das erste Mal erfolgreich mit einem LEOPARD 2 getestet. Das System arbeitet nach dem Softkill-Prinzip und ist so ausgelegt worden, dass es sowohl vor laser- als auch vor drahtgelenkten Flugkörpern und auch vor Fire-and-Forget Waffen schützen kann.
Das Scheinzielsystem MASS (Multi Ammunition Softkill System)
MASS ist ein modernes System zum Schutz von Schiffen gegen Lenkflugkörper, die mit modernen Radar- und/oder Infrarot-Zielsuchköpfen ausgestattet sind. Es wurde von Rheinmetall Waffe Munition in enger Kooperation mit der Deutschen Marine entwickelt und zeichnet sich durch eine extrem kurze Reaktionszeit und vollautomatisierten Einsatz der OMNI Trap Scheinziele aus. Die kombinierte omni-spektrale Wirkmasse erzeugt eine schiffsähnliche Signatur im IR-Bereich und hat eine höhere Wirkung als herkömmliche Düppel-Scheinziele. Das Scheinzielsystem MASS wurde in der Niederlassung Fronau bei Schneizlreuth des Geschäftsbereichs Rheinmetall Waffe Munition, zugehörig zur Defence-Sparte des Rheinmetall-Konzerns, eigenständig entwickelt und gefertigt. Seit der Markteinführung in 2002 wurden bislang Verträge mit neun Nationen über insgesamt 130 Werfereinheiten für 15 Schiffsklassen vom Patrouillenboot über Korvetten bis hin zu Fregatten abgeschlossen. MASS wurde bereits erfolgreich bei den Marinestreitkräften von Deutschland (Korvette K130 und Fregatte F123), Finnland (SQUADRON 2000), Norwegen (SKJOLD Schnellboote), Schweden (VISBY-, GÖTEBORG- und MALMÖ-Klasse), der Vereinigten Arabischen Emirate (BAYNUNAH Programm), des Omans (KHAREEF-Klasse), Kanada (Halifax-Frigatten Shield Programm) sowie in einem weiteren Land des Mittleren Ostens eingeführt.
MASS für die Deutsche Marine
Unter Berücksichtigung des damals bevorstehenden UNIFIL Einsatzes vor der Küste des Libanon hatte auf Weisung des BMVg das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) eine Soforteinrüstung der Fregatte F123 "Schleswig-Holstein" durch den Hersteller Rheinmetall Defence veranlasst. Ausschlaggebend für diese kurzfristige Beschaffung waren vor allem die erfolgreichen Wirksamkeitstests. Bei dem so genannten Sea Acceptance Test (SAT) wurde das Marine-Schutzsystem auf See getestet und abgenommen, wobei die Wirksamkeit von MASS gegen Radar-, Infrarot- und Laser-gelenkte Raketen erfolgreich nachgewiesen werden konnte. Rheinmetall Defence ist mit der Einrüstung von drei weiteren Systemen für die Fregatten "Brandenburg", "Bayern" und "Mecklenburg-Vorpommern" der BRANDENBURG Klasse F123 mit jeweils einer Vier-Werfer-Konfiguration mit Anbindung an die ELOKA-Anlage und an die Multi-Sensor-Plattform (MSP 500) beauftragt worden. Im Rahmen einer einsatzbedingten Sofortausrüstung wurden auch ein Minenjagdboot der KULMBACH-Klasse MJ 333 "Laboe" und ein Minensuchboot/Hohlstablenkboot der ENSDORF-Klasse 352 "Pegnitz" mit jeweils einer MASS-Zwei-Werfer-Konfiguration mit integrierter Detektionseinheit von Rheinmetall Defence ausgerüstet.
Die Schutzwirkung von MASS
Lenkflugkörper und Raketen stellen eine latent zunehmende Bedrohung für die Schifffahrt dar. So erfolgte beispielsweise im Juli 2006 ein Angriff mit Raketen auf zwei Schiffe vor der libanesischen Küste, wobei ein Frachter versenkt sowie ein Kriegsschiff schwer beschädigt wurde.
Seit 1967 waren weltweit 241 vergleichbare Angriffe durch so genannte Anti-Schiff-Raketen zu verzeichnen, davon
- Treffer: 113
- Abwehr durch Soft-Kill: 127
- Abwehr durch Hard-Kill: 1 (1991 HMS "Gloucester" mit SILKWORM).
MASS schützt Schiffe bei Angriffen moderner, sensorgelenkter Flugkörper auf hoher See, im Küstenbereich und bei terroristischen Attacken. Abgefeuerte Täuschkörper lenken das Zielsuchsystem der Rakete ab. Das automatisierte Täuschkörpersystem MASS bietet erhebliche taktische, operative und logistische Vorteile und kann auf allen Schiffstypen installiert werden. Es kann in alle Führungssysteme integriert, aber auch als Stand-alone-Anlage betrieben werden. Die neuartige, programmierbare omni-spektrale Munition des Mass-Systems gewährleistet Schutz in allen relevanten Wellenlängen des elektromagnetischen Spektrums (UV, EO, Laser, Infrarot, Radar).
MASS mit integrierter Detektionseinheit
MASS ist mit einer integrierten Detektionseinheit MASS-ISS (Integrated Sensor Suite) kombiniert. Diese Detektionseinheit verfügt über eine integrierte Sensorik gegen Radar- und Laserbedrohungen durch einen so genannten Laser-Warner-Empfänger (NLWS) mit zusätzlicher Anbindung an das an Bord befindliche elektro-optische Sensorsystem mit der Bezeichnung "Multi-Sensor-Plattform MSP 500". Zur elektronischen Unterstützungsmessung ist eine hochmoderne EloUM-Anlage (SME 100) in das System integriert worden. Dieses Mittel der elektronischen Kampfführung schafft die Voraussetzung, um eingehende Bedrohungen nicht nur zu detektieren, sondern nach Art und Typ der Bedrohung zu klassifizieren und auch zu identifizieren.
Zusammenfassung
Rheinmetall Defence verfügt mit dem Scheinzielsystem MASS ein hervorragendes Produkt, mit dem asymetrische Bedrohungen durch Lenkwaffen und andere Geschosse mit großem Erfolg bekämpft werden können. MASS wird derzeit hauptsächlich von Marinestreitkräften genutzt, erscheint jedoch mit entsprechenden Modifikationen auch auf Land oder gar in der Luft einsetzbar. Zum Schutz von Landfahrzeugen wurde bereits das Schutzsystem ROSY entwickelt, für Luftfahrzeuge bietet Rheinmetall das System IRRADON an.
Auch im zivilen Bereich gibt es bereits Überlegungen zum Einsatz derartiger Schutzsysteme, zum Beispiel bei der Absicherung von Kernkraftwerken und anderen bedrohten Schlüsselbereichen.
Harthöhenkurier, Ausgabe 4/2009 Autor: Jürgen K.G. Rosenthal |
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